Nur zu Besuch -oder- Wie mich die Stille für sich gewinnt

Mai 5, 2011 at 5:19 pm (momentaufnahmen) ()

Der Weg zu ihm ist nicht weit. Vielleicht einen Kilometer, vielleicht auch drei, gefühlte tausend. Wie immer, auf diesem Weg, die Ramones im Ohr. Immer das gleiche Lied, sein Lied. Manchmal fahre ich einen kleinen Umweg um den Song bis zum Schluss hören zu können.

Mit dem letzten Ton komme ich an.

Das Wetter ist schön. Die Sonne scheint, der Wind weht vorsichtig. Mit dem Schritt durch den riesigen Torbogen, verändert sich etwas in mir. Es wird still. Ich laufe an dem kleinen Blumenladen vorbei, die Dame an der Theke lächelt mich an, auf diese bestimmt  Art, die ich so hässlich finde. Es ist dieses Mitleidslachen.

Alte Frauen an den Gräbern ihrer Männer, sich bückend um es dem Liebsten noch mal schön zu machen. Gusseiserne Gießkannen klimpern dumpf. Zusammen mit dem lieblichen Vogelgezwitscher zaubern sie diese einzigartige Friedhofsmelodie. Das knirschen der Kieselsteine unter meinen Füßen wird Schritt für Schritt leiser, fast instinktiv werde ich langsamer. Laufe vorsichtiger. Nur noch eine Kurve. Einmal nach rechts.

Die Sonne kämpft sich durch die Baumkronen. Sonnenstrahlen schaffen es nur vereinzelt auf seine schlichte, schwarze Marmorplatte. Ich lese seinen Namen, meinen Namen. Die Stille in mir breitet sich aus. Seit nun schon 2 Jahren das gleiche Gefühl. Nie wird es besser oder anders.

Gelber Blütenstaub verdeckt sein Geburtsdatum. Ich wische ihn mit meiner Hand weg und erschrecke vor der Kälte die ich fühle. Es ist nicht mehr die Wärme die ich spürte als ich über seine Wange streichelte, mich mit meinem Kopf an seine Brust lehnte um Schutz, Trost und Sicherheit zu erfahren.

Nur die Erinnerung bringt uns jetzt zusammen. Die Erinnerung an den ersten Mann den ich liebte, an meinen Held. Die Gedanken an seine stacheligen Küsse auf meine kindlichen Wangen. An seinen stolzen Blick als ich das Fahrradfahren, das Schwimmen lernte. An seine Tränen als ich das erste Mal auf einer Bühne stand, mein Kind auf die Welt brachte. An die Art, wir er mich mit seinem norddeutschen Akzent Mukking nannte.

Ich möchte ihm soviel erzählen. Von mir, meinem Kind. Vom Glück. Davon wie sehr er fehlt. Immer. Davon, das es immer schwerer wird ihn zu uns zu holen, weil sich auch meine Welt weiter dreht. Davon, das ich nicht weiß wo ich  hin will, weil ich nicht weiß wo ich herkomme. Zu viele offene Fragen, Lücken die nicht mehr zu schließen sind.

Ungelöst und unbeantwortet seit dem Tag, an dem sein Herz aufhörte zu schlagen.

Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Noch einmal atmen, noch einmal die Augen schließen. Dann drehe ich mich um und gehe den schmalen Weg zurück, vorbei an den alten Damen die sich mittlerweile auf eine Bank gesetzt haben und zusammen schweigen. Vorbei an der Blumenfrau, sie lächelt immer noch ihr Mitleidslächeln.

Ich steige in mein Auto und fahre los.

Zu Hause angekommen, lässt das Lachen meines Kindes die Stille in mir schwinden. Heute Abend, wenn der Himmel es uns erlaubt, gucken wir wieder aus dem Fenster, zu den Sternen, zum Mond, zu seinem Opa und meinem Papa. Denn es geht weiter. Irgendwie.

C.

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