Später am Morgen

Juni 8, 2011 at 4:52 pm (momentaufnahmen)

Wir treffen uns wieder, ganz plötzlich, erwartet unerwartet. Gegenüber an der Bar in diesem geschichtenschweren Lokal. Du siehst mich nicht. Ich, ich konnte dich schon spüren, als ich den Laden betrat. Dieses Licht, diese Wärme die von deinem Herzen jeden Raum mit Sonne flutet. Unsere Blicke treffen sich, wir verharren kurz. Mir stockt der Atem, mein Blut gefriert. Was soll ich tun? Lächeln? Nicken? Zu dir kommen? In dieser Gedankenspirale gefangen, merke ich nicht wie Du plötzlich neben mir stehst.

„Hey, wie geht´s Dir? Toll siehst du aus. Du wolltest dich doch melden?!“

3 Sätze. Ich spüre schon nach dem 2. gesprochenem Wort das ich heute Nacht wieder dein bin. Ich liege dir zu Füßen. Du hast mein Herz in deiner Hand. Ich bin deine Gespielin, erneut willig mich selbst zu zerstören und einen weiteren Teil meines Herzens in deine Obhut zu geben.

“ Hallo, ja, sorry, viel zu tun. Sonst geht´s aber gut. Wie geht es Dir?“

Meine Unsicherheit wird geschürt durch deine Blicke. Wie damals, als ich die heimliche Zigarette auf dem Schulhof vor meinem Direktor erklären musste, so steh ich vor dir. Ich weiß das du es spürst wie ich.

„Sehen wir uns später?“

Uns ist beiden klar was du mit diesem „später“ meinst. Es ist dieses „später“ wie wir es schon seit Monaten leben. Nachts, wenn die Menschen unserer Stadt nach Hause torkeln, liegen wir in deinem Bett. Wir küssen uns, jeder Kuss von mir geküsst als wäre er der letzte. Wir spüren uns, ich spüre dich jedes Mal so, als wäre es das letzte Mal. Wir lassen unsere Körper einander erzählen was der Verstand nicht zulässt, der Mund nicht kann und was unsere Herzen so sehr fürchten. Liebe ist es die mich zu dir führt, deine Triebe sind es die mich immer wieder aufnehmen. Doch ich spüre keine Kälte in diesen, unseren Nächten. Ich genieße jeden Moment so als wäre es das einzige was ich in meinem Leben habe, vielleicht ist es auch genau so.

Noch später am Abend liegen wir nebeneinander. Unsere Hände halten sich. Unsere Brustkörbe zucken vor Erfüllung und Erschöpfung auf und ab. Wir genießen die Stille die nur für uns gemacht ist.

Früher am Morgen wache ich auf. Du schläfst, wie immer auf der Seite, dein Gesicht zu mir gewandt. Ich schaue dich lange an. Du atmest tief und ruhig. Deine Lippen zeichnen ein glückliches Lächeln. In den letzten Wochen hatte ich ab und an das Glück, die Sonne auf deinem Gesicht tanzen zu sehen. Doch heute ist es dunkel. Ich schaue dich ein letztes Mal an, küsse deinen Handrücken, stehe auf und verlasse fast fluchtartig den Raum in dem das Gefühl schwebt nach dem ich mich so sehr sehne. In deinem Flur, neben deinem Telefon, das selbe Ritual wie immer. Auf einem Zettel hinterlasse ich dir immer den selben Satz.

“ Ich dachte die Zigarette danach rauchst Du lieber allein. “

Daneben lege ich immer eine der letzten aus meiner Packung vom Vorabend.
Ich lasse deine Tür vorsichtig ins Schloss fallen. Das kurze Klicken als die Tür schloss, lässt mich aufatmen. Ich wusste genau es war das letzte Mal, den es musste das letzte Mal sein.

„Hör´auf bevor es weh tut“ , sagtest du in einer der ersten Nächte  als ich dich fragte was passiert wenn ich mich verliebe. Und später am frühen Morgen fing es an weh zu tun, denn ich wusste, ich liebe dich.

Ich laufe nach Hause. Schnell oder langsam, ich weiß es nicht. Ich weine. Nie habe ich nach unseren Nächten geduscht. Ich legte mich in deinem Geruch und deiner Wärme ins Bett und schlief ein. Doch an diesem, mittlerweile späten Morgen, wasche ich all das, was ich sonst solang wie möglich bewahren wollte, von mir, meinem Körper, meiner Seele. Ich wage auch den versuch es aus meinem Herzen zu waschen und scheitere kläglich.

In den nächsten Wochen ging es mir so schlecht wie nie zuvor. Diese tiefe, mich einnehmende Traurigkeit kenne ich nicht und macht mir Angst. Ich ziehe mich zurück, von allem und jedem. Nicht erreichbar sein, nichts hören oder sehen, dich vergessen, dass will ich.

Nach langen Wochen der Stille und Einsamkeit geht es mir besser. Ich gehe wieder raus, beobachte Spielplätze, treffe mich mit Kommilitonen, Freunden, Familie, nehme langsam wieder am Leben teil. Am Abend, schalte ich zum ersten Mal mein Handy an, lege es zur Seite und gehe nach draussen um eine zu rauchen. Bei jedem blinken erwische ich mich dabei zu hoffen das es eine SMS von dir ist, ein verpasster Anruf, ein Spruch auf meiner Mailbox, irgendwas. Als ich mich durch die Namen derjenigen arbeite, die mich in den letzten Wochen vermisst haben, sich sorgten, mich vermisst haben, finde ich viele, nur deinen Namen nicht.
Du hast dich nicht gesorgt. Wolltest mich nicht treffen. Und du hast mich schon gar nicht vermisst.
Und plötzlich war er da, der Moment den man als „Schlag ins Gesicht“ bezeichnet. Ich wurde wach, begriff das erste Mal das ich nichts für dich bin. Nichts.

Ich öffne eine Flasche Wein um mit mir auf diese Erkenntnis anzustoßen. Ich beschließe zu tanzen. In meinem Wohnzimmer. Allein. Ich tanze all meine Wut auf mich, auf die Liebe, auf dich einfach weg. Die Flasche leert sich, mein Herz betrinkt sich. Als ich mich zu süßen Klängen auf mein Bett fallen lasse, merke ich fast zu spät das mein Handy klingelt. Als ich deinen Namen auf meinem Display lese, löst es in mir ein albernes Kichern aus. Ich nehme den Anruf an, deine Stimme lässt mich wie auf einen Schlag nüchtern werden.
Dann die selben Fragen wie immer :  “ Wo bist Du?“, „Bist du allein?“ , „Ich komm´vorbei“.
Ich wollte dir noch sagen das ich das für eine ganz schlechte Idee halte, dir sagen warum, mich trauen dir zu zeigen das du nicht alles mit mir machen kannst, doch du legst einfach auf. Ich laufe ins Wohnzimmer, lasse die Platte noch mal von vorne laufen, räume die Flasche und alle anderen Zeugen meiner Verzweiflung weg. Renne ins Bad, putze meine Zähne, kämme mein wirres Haar zum Zopf. Als ich die letzten kalten Tropfen aus meinem Gesicht wische, klingelt es. Ich schaue meinem Spiegelbild tief in die Augen, atme durch und öffne die Tür.
Die alten Hausflurdielen knacken im selben Takt wie immer. In mir ein komisches, nicht zu erklärendes Gefühl. Diese Wut, auf uns und diese leere Liebe, wandelt sich beim ersten Blick auf deine Schultern, deine unrasierten Wangen, in eine, mir vorher nicht bekannte Lust. Eine körperliche Lust wie ich sie nie erlebte. Ich will dich. Und zum ersten Mal nehme ich mir genau das was ich will. Fordernd und bestimmend ziehe ich dich küssend ins Schlafzimmer. Jeden deiner Versuche etwas zu sagen, von mir mit einem noch intensiveren Kuss verhindert. Ich ziehe dich aus, du lässt mich gewähren. Ich ziehe mich aus, genieße deine Blicke. Ich weise dir die Richtung auf mein Bett und setze mich langsam auf deinen Schoß. Wir tun es wie wir es noch nie getan haben. Intensiver, vielsagender. Etwas hatte sich verändert.

Nach diesem Mal lagen wir kürzer als sonst nebeneinander. Ich war es, die sich weg drehte und einschlief.

Später, am nächsten Morgen wache ich auf. Den Blick zum Fenster, es ist hell. Der Wecker auf meiner Fensterbank lässt mich wissen, dass es schon viel später am Morgen war als ich dachte. Ich liege so da. Lange. Im Kopf die Bilder  der letzten Nacht. In der Nase den Geruch verbrannter Zeit. Im Herzen die Angst mich um zu drehen und zu sehen was ich immer sah. Eine leere Betthälfte, ein zerknirschtes Kissen. Und ich weiß in diesem Moment genau, dass ich mich dann, wie immer, in dein Kissen drücke und hoffe das du die Kissenfalten eine kleine Weile auf deinen Wangen hattest um wenigstens etwas von mir mitzunehmen. Diese Angst und das Wissen das dann alles von vorne anfängt, lähmt mich für den Moment und ich schlafe nochmal ein.

Stunden später, riss mich ein schrilles, unbekanntes Geräusch aus meinem unerwartet tiefen Schlaf. Ich sehe mich um, entdecke nichts. Ich drehe mich um und sehe dich. Du lächelst mich an, bist wach, schon lange. Deine Stimme klingt fest und wenig verschlafen als du mir sagst das Du vergessen hast den Ton von deinem Handy auszuschalten. Ich frage dich hörbar entsetzt was du noch hier machst. Du lächelst stumm. Mein Blick fordert eine Antwort.
Du lehnst dich zu deiner Hose auf dem Boden und ziehst eine Schachtel Zigaretten aus deiner Tasche. Ungewohnt unsicher sagst du mir den Satz auf den ich seit Monaten warte, von dem ich aufgehört habe zu träumen weil er mehr schön als realistisch war:

“ Ich dachte die Zigarette danach rauchen wir in Zukunft immer zusammen. Ich hab in den letzten Monaten schon einige für uns gesammelt.“

Und da liegen wir wieder, nebeneinander, unsere Hände halten was wir sind. Unsere Herzen fürchten nichts mehr, denn wir rauchen Liebe.

C.

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1 Kommentar

  1. banalesundbonbons said,

    Wow.. mehr fällt mir gerade nicht ein.

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